Wie Lernlotte die Fragen aussucht
Dieses Kapitel beantwortet die drei Fragen, die im Alltag am häufigsten aufkommen: Warum kommt ausgerechnet diese Frage? Wann kommt sie wieder? Und: Warum ist heute schon Schluss?
Das Bild: der Karteikasten
Der klassische Karteikasten aus Holz hat fünf Fächer. Neue Karten kommen in Fach 1. Wenn du eine Karte kannst, wandert sie ein Fach weiter nach hinten; hinten wird seltener abgefragt. Wenn du sie nicht kannst, fliegt sie zurück nach ganz vorn in Fach 1.
Das Prinzip ist genial und über fünfzig Jahre alt: Was du sicher kannst, siehst du selten. Was wackelt, siehst du oft. Deine Zeit landet dort, wo sie etwas bewirkt.
Lernlotte arbeitet nach genau diesem Prinzip — aber ohne Fächer.
Was Lernlotte anders macht
Fächer sind eine grobe Näherung. Alle Karten in Fach 3 werden gleich behandelt, obwohl die eine seit Jahren sitzt und die andere gerade so hineingerutscht ist.
Lernlotte führt deshalb für jede Karte und jeden Nutzer einzeln eine Schätzung: wie lange diese Antwort bei dir im Kopf hält. Daraus ergibt sich ein Termin — nicht ein Fach. Eine Karte kann bei dir in 6 Tagen fällig sein und bei jemand anderem in 40, und zwei Karten aus derselben Lernrunde können völlig unterschiedliche Termine bekommen.
Zwei Unterschiede zum Holzkasten sind im Alltag spürbar:
- Ein Fehler wirft dich nicht auf null zurück. Die Karte kommt schnell wieder und ihr Abstand schrumpft deutlich — aber sie fängt nicht bei Fach 1 an, als hättest du sie nie gesehen. Was du schon investiert hast, bleibt zum Teil erhalten.
- Die Abstände wachsen schneller, je sicherer eine Karte sitzt. Nach oben gibt es praktisch keine Grenze; eine bombenfeste Karte kann Jahre lang Ruhe geben.
Die drei Stapel
Wenn du Lernen anklickst, geht Lernlotte drei Stapel in fester Reihenfolge durch und nimmt die erste Karte, die sie findet:
1. Karten in der Kurzzeit-Lernphase. Das sind Karten, die du gerade eben erst angefasst hast und die in Minuten wieder fällig werden — die, bei denen unten „Nächste Wiederholung in 10 Minuten" stand. Von diesen kommt die dran, deren Termin am längsten abgelaufen ist.
2. Fällige Wiederholungen. Karten im normalen Tagesrhythmus, die heute anstehen. Wieder zuerst die am längsten überfällige — so arbeitest du einen Rückstand automatisch von vorn nach hinten ab.
3. Neue Karten. Erst wenn die ersten beiden Stapel leer sind, legt Lernlotte dir Fragen vor, die du noch nie gesehen hast. Die kommen in der Reihenfolge des Katalogs: Kapitel für Kapitel, innerhalb eines Kapitels nach Fragennummer.
Nur der dritte Stapel ist mengenmäßig gedeckelt. Fällige Wiederholungen sind es nicht. Wenn 300 Karten fällig sind, legt Lernlotte dir alle 300 vor.
In der Auswahl steckt kein Zufall. Die Abfolge ist vollständig vorhersagbar. Gemischt wird nur die Reihenfolge der Antwortmöglichkeiten innerhalb einer Multiple-Choice-Frage.
Was „heute fällig" bedeutet
Fällig heißt: irgendwann heute, nicht auf die Minute genau. Der komplette Tagesstapel steht dir ab 0 Uhr zur Verfügung. Wenn eine Karte rechnerisch heute um 19 Uhr dran wäre, kannst du sie trotzdem schon um 7 Uhr beim Frühstück abarbeiten.
Das ist bewusst so: Du sollst deine Lernzeit selbst legen können, statt auf Uhrzeiten zu warten. Als Tag gilt der Kalendertag in deutscher Zeit.
Die Karten aus dem ersten Stapel — die Minutenschritte — verhalten sich anders: Die kommen wirklich erst, wenn ihre Minuten abgelaufen sind.
Die drei Zustände einer Karte
In der Statistik begegnen dir drei Begriffe:
| Zustand | Was er bedeutet |
|---|---|
| Ungelernt (neu) | Noch nie beantwortet. Wartet auf ihren ersten Auftritt. |
| In Lernphase | Frisch angefangen oder gerade danebengelegen. Kommt im Minutentakt wieder, bis sie sitzt. |
| Im Wiederholungszyklus | Angekommen. Läuft im Tages-, Wochen- oder Monatsrhythmus. |
Der Weg führt normalerweise von oben nach unten. Ein Fehler im Wiederholungszyklus schickt eine Karte kurz zurück in die Lernphase — aber nur für zehn Minuten.
Eine Karte über zwei Monate
Nehmen wir eine echte Karte und begleiten sie. Du fängst an einem Montag um 8:00 Uhr an und beantwortest sie jedes Mal genau an ihrem Termin.
Fall A — du kannst sie immer:
| Wann | Deine Antwort | Nächster Termin |
|---|---|---|
| Mo, 8:00 (zum ersten Mal) | 👍 | in 10 Minuten |
| Mo, 8:10 | 👍 | in 4 Tagen — Freitag |
| Freitag | 👍 | in 14 Tagen |
| zwei Wochen später | 👍 | in etwa 45 Tagen |
| anderthalb Monate später | 👍 | in etwa 135 Tagen |
| gut vier Monate später | 👍 | in etwa einem Jahr |
Sechs Antworten in gut einem halben Jahr — und die Karte sitzt. Beachte den Sprung: Die Abstände verdoppeln sich nicht einfach, sie wachsen immer schneller, weil jede erfolgreiche Wiederholung nach langer Pause besonders viel Beweiskraft hat.
Fall B — du legst einmal daneben. Alles wie oben, aber bei der Wiederholung nach 14 Tagen kommst du nicht drauf:
| Wann | Deine Antwort | Nächster Termin |
|---|---|---|
| … wie oben bis 14 Tage … | ||
| die 14-Tage-Wiederholung | 👎 | in 10 Minuten |
| 10 Minuten später | 👍 | in 3 Tagen |
| 3 Tage später | 👍 | in 8 Tagen |
| gut eine Woche später | 👍 | in 20 Tagen |
Vergleich der beiden Fälle: Die Karte fällt von 14 Tagen auf 3 zurück — deutlich, aber eben nicht auf null. Und sie erholt sich zügig: 3, 8, 20 Tage. Sie bleibt dauerhaft etwas enger getaktet als die fehlerfreie Karte, weil Lernlotte sie jetzt als schwieriger einstuft. Genau das willst du.
Fall C — schon der erste Kontakt geht daneben. Eine neue Karte, die du beim ersten Sehen nicht weißt:
| Wann | Deine Antwort | Nächster Termin |
|---|---|---|
| zum ersten Mal | 👎 | in 1 Minute |
| 1 Minute später | 👍 | in 10 Minuten |
| 10 Minuten später | 👍 | morgen |
| am nächsten Tag | 👍 | in 2 Tagen |
Diese Karte startet also viel enger als eine, die gleich sitzt — und arbeitet sich von dort hoch.
Warum ein Fehler nicht alles zunichtemacht
Wenn du eine Karte im Wiederholungszyklus falsch beantwortest, passiert dreierlei:
- Sie kommt in 10 Minuten noch einmal — im selben Lerndurchgang.
- Ihre geschätzte Haltbarkeit wird deutlich gekürzt, aber nicht gelöscht.
- Sie wird dauerhaft als schwieriger eingestuft, wächst also künftig langsamer.
Sobald du sie in den zehn Minuten richtig hast, ist sie sofort wieder im normalen Rhythmus — nur eben mit kürzerem Abstand.
Warum Termine ein bisschen wackeln
Wenn du an einem Tag 40 neue Karten anfängst, wären vier Tage später alle 40 gleichzeitig fällig — und dann wieder, und wieder. Dein Lernpensum käme in Wellen.
Deshalb streut Lernlotte längere Termine leicht. Der berechnete Tag wird zufällig ein Stück nach vorn oder hinten verschoben. Gemessen an den tatsächlichen Werten:
| Rechnerischer Termin | Tatsächlich |
|---|---|
| ~13 Tage | 11 bis 16 Tage |
| ~17 Tage | 14 bis 21 Tage |
| ~43 Tage | 39 bis 48 Tage |
| ~106 Tage | 99 bis 114 Tage |
Kurze Abstände unter zweieinhalb Tagen bleiben unangetastet. Deshalb kann es passieren, dass unter der Karte „in 12 Tagen" steht, wo du 14 erwartet hättest. Kein Fehler, sondern der eingebaute Wellenbrecher.
Warum heute Schluss ist
Der häufigste Stolperstein: Du willst weiterlernen, aber Lernlotte sagt „Für heute ist hier alles erledigt!", obwohl noch Hunderte Fragen im Katalog stehen.
Der Grund ist das Tageslimit für neue Karten. Standardmäßig legt dir Lernlotte höchstens 15 neue Fragen pro Tag und Katalog vor. Wiederholungen sind davon nicht betroffen.
Das ist kein Gängelband, sondern Bremsklotz gegen eine Lawine. Rechne mit: 100 neue Karten heute heißt rund 100 Wiederholungen in vier Tagen — plus die neuen von morgen und übermorgen. Nach zwei Wochen sitzt du vor einem Berg, den du nicht mehr abarbeitest, und hörst auf. Genau das verhindert der Deckel.
Wie du das Limit für dich änderst, steht unter Statistik und Tageslimit; wann sich das lohnt, in So lernst du damit richtig.
Wenn der Kapitelfilter aktiv ist, gilt das Tageslimit trotzdem für den ganzen Katalog. Du kannst dir also nicht dadurch mehr neue Karten holen, dass du Kapitel für Kapitel durchgehst.
Warum deine Ehrlichkeit die ganze Sache trägt
Bei Multiple Choice weiß Lernlotte selbst, ob du richtig lagst. Bei Aufdeckkarten hat sie nur eine Informationsquelle: dein 👍 oder 👎.
Alle Termine in diesem Kapitel sind Rechenergebnisse aus diesen Angaben. Sind die Angaben geschönt, sind die Termine falsch — und zwar systematisch zu lang. Du bekommst dann einen Karteikasten, der dir Sicherheit anzeigt, die du nicht hast. Das merkst du erst in der Prüfung.
Die Regel bleibt: 👍 nur, wenn du die Antwort vor dem Aufdecken im Kopf hattest.
Für Neugierige: was im Hintergrund rechnet
Lernlotte benutzt FSRS-6, ein frei verfügbares Wiederholungsverfahren, das aus Millionen echter Lernverläufe abgeleitet wurde. Statt einer Fachnummer führt es pro Karte zwei Zahlen:
- die Stabilität — die geschätzte Zahl an Tagen, bis die Erinnerung auf 90 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit abgesunken ist. Das ist zugleich der nächste Termin.
- die Schwierigkeit auf einer Skala von 1 bis 10 — wie zäh sich diese Karte bei dir verhält. Sie steigt bei jedem 👎 und sinkt langsam bei jedem 👍.
Der Zielwert von 90 Prozent ist die eingestellte Marke: Lernlotte plant so, dass du zum Termin eine Frage mit rund 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit noch kannst. Niedriger angesetzt würdest du seltener wiederholen und mehr vergessen; höher angesetzt würdest du viel Zeit in Karten stecken, die ohnehin sitzen. Warum ausgerechnet 90 ein guter Kompromiss ist, steht in Warum das funktioniert.
Verstellen lässt sich davon nichts — außer dem Tageslimit für neue Karten.